6-3-5-Methode

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Die 6-3-5-Methode

1. Kurze Beschreibung der Methode

Die 6-3-5 Methode (auch „Methode 635“ oder „6-3-5 Brainwriting“) ist eine strukturierte Kreativitätstechnik, bei der eine Gruppe still für sich Ideen generiert und diese in mehreren Runden über Blätter weiterreicht. Sie dient dazu, in kurzer Zeit eine große Zahl an Ideen zu entwickeln, indem jeder Teilnehmer auf den Vorschlägen anderer aufbaut.

2. Entstehungsgeschichte der Technik

Die Methode wurde im Jahr 1968 von dem deutschen Marketing- und Unternehmensberater Bernd Rohrbach entwickelt und erstmals in der Fachzeitschrift Absatzwirtschaft publiziert (ca. 1969).Seitdem ist sie in vielen Kreativitäts- und Innovationsprozessen verbreitet. Manche Quellen nennen vereinzelte spätere Datierungen, doch 1968/1969 gelten als etablierter Ursprung.

3. Hintergrund und Kontext der Methode

Die 6-3-5 Methode gehört zur Familie der Brainwriting-Techniken, als Gegenentwurf zu klassischem Brainstorming. Der Hintergrund war, dass in Gruppen oft dominantere Stimmen die Diskussion prägten, schnell Bewertungen passierten oder leisere Teilnehmer sich zurückhielten. Mit einer stillen, schriftlichen Methode sollen diese Effekte minimiert werden. Die Technik wurde vor allem im Marketing, Innovationsmanagement und Design eingesetzt, um systematisch und gleichberechtigt viele Ideen zu generieren.

4. Ziel der Methode

Ziel ist es, in kurzer Zeit eine große Zahl (theoretisch bis zu 108) unterschiedlicher Ideen zu einem Problem oder Thema zu erzeugen, dabei stille Kreativität zu nutzen, Denkanstöße von anderen aufzunehmen und zugleich kreative Vielfalt zu fördern. Dies soll die Basis für spätere Auswahl- und Verfeinerungsprozesse schaffen.

5. Grundprinzip der Methode

Die Methode funktioniert nach dem Prinzip: 6 – 3 – 5

  • 6 Teilnehmer
  • Jeder schreibt 3 Ideen pro Runde
  • In jeder Runde dauert die Ideengenerierung 5 Minuten
    Die Blätter werden nach jeder Runde weitergereicht, und jeder neue Bearbeiter kann die bereits notierten Ideen aufgreifen, erweitern oder eigene ergänzen. Dieser Zyklus wird über mehrere Runden hinweg wiederholt.

6. Anwendungsbereiche der Methode

  • Ideenfindung zu Produkt- oder Serviceinnovationen
  • Marketing- und Werbekampagnen
  • Konzeptentwicklung in Design und UX
  • Problemlösungsprozesse im Management
  • Strategische Fragestellungen in Teams
  • Workshops und Kreativsessions, in denen man eine hohe Ideenmenge benötigt

7. Eignung der Methode

  • Für Ideenfindung: Ja
  • Für Problemlösung: Ja (speziell zur Generierung von Lösungsvorschlägen, nicht zur Ursachenanalyse)
  • Für Entscheidungsfindung: Nein (die Methode liefert Ideen, aber keine systematische Bewertung oder Entscheidungskriterien)

8. Dauer der Anwendung

Typischerweise etwa 30 Minuten für 6 Runden (je 5 Minuten), zuzüglich Zeit für Einführung, Abschluss und Ideenübersicht. In manchen Fällen können Runden etwas kürzer oder länger sein, oder mehr Zeit für Diskussion nach Abschluss benötigt werden.

9. Empfohlene Teilnehmerzahl

  • Optimal: 6 Personen
  • Alternativ: 4 bis 7 Personen sind möglich, allerdings mit Anpassung der Runden oder Ideenzahl (z. B. 4 × 3 Ideen × 5 Runden)

10. Benötigte Materialien und Umgebung

  • Für jede Person ein Arbeitsblatt (Vorlage mit 3 Spalten und 6 Zeilen, also 18 Zellen)
  • Stifte (idealerweise einfarbig, gut lesbar)
  • Timer oder Uhr bzw. Stoppuhr
  • Moderationsumgebung: ruhiger Raum, Tisch oder Fläche
  • Whiteboard oder Flipchart zur Fragestellung und späteren Ideensammlung
  • Moderationskarten oder Haftnotizen (optional)
  • Bei digitalen Sitzungen: Online-Whiteboard-Tool oder Kollaborationsplattform

11. Zu beachtende Regeln bei der Anwendung

  • Keine Bewertung oder Kritik der Ideen während der Runden
  • Jede Idee einzeln in ein Feld eintragen
  • Teilnehmer sollen sich in jeder Runde auf die vorliegenden Ideen beziehen, aber auch neue Ideen formulieren dürfen
  • Strikte Einhaltung des Zeitrahmens pro Runde
  • Arbeitsblätter strikt weiterreichen (nach rechts oder in definierter Reihenfolge)
  • Schrift möglichst deutlich und lesbar
  • Ideen nicht direkt löschen oder streichen (außer bei Dopplungen in Nachbearbeitung)
  • Die Fragestellung klar und präzise vorab formuliert
  • Bei digitalen Varianten: klare Regeln zur Versionierung und Synchronisation

12. Vorteile der Methode

  • Leicht verständlich und schnell einsetzbar
  • Fördert gleichberechtigte Beteiligung aller Teilnehmenden
  • Verhindert Dominanz einzelner Stimmen
  • In kurzer Zeit große Ideenmenge möglich
  • Ideen können von anderen weiterentwickelt werden
  • Dokumentation aller Ideen erfolgt systematisch
  • Arbeitsform stimuliert Kreativität auch bei zurückhaltenden Personen

13. Nachteile der Methode

  • Ideen oft oberflächlich oder unausgereift – Nacharbeit erforderlich
  • Druck durch Zeitlimit kann kreativ blockieren
  • Gefahr von Wiederholungen bzw. Dopplungen
  • Schrift oder Ausdruck kann unklar sein
  • Keine direkte Diskussion innerhalb der Runden möglich
  • In sehr komplexen Themen kann der Rahmen zu eng sein
  • Gruppen mit homogener Zusammensetzung liefern weniger Vielfalt
  • Der Fokus liegt auf Quantität, nicht Qualität – Auswahlprozess nötig

14. Ausführliche Beschreibung der Methode

Die 6-3-5 Methode zielt darauf ab, kreatives Potenzial in Gruppen strukturiert und konzentriert zu entfalten. Zu Beginn erhält jede Person ein vorbereitetes Blatt mit 6 Zeilen und 3 Spalten, also 18 Felder. Oben auf dem Blatt wird die Fragestellung oder das Thema notiert. In der ersten Runde hat jeder Teilnehmer 5 Minuten Zeit, still und ohne Austausch, drei Ideen einzutragen – eine pro Spalte in der ersten Zeile. Nach Ablauf der 5 Minuten gibt jeder sein Blatt im Uhrzeigersinn weiter. Der nächste Teilnehmer liest die bereits eingetragenen Ideen, lässt sich davon inspirieren und ergänzt drei eigene Einfälle in die nächste Zeile. Dieser Vorgang wird in weiteren Runden wiederholt, bis alle 6 Zeilen gefüllt sind (also jeder Teilnehmer einmal jedes Blatt bearbeitet hat). So entsteht insgesamt eine Sammlung von bis zu (6 \times 3 \times 6 = 108) Ideen in ungefähr 30 Minuten.

Ein zentraler Vorteil ist, dass jeder Teilnehmer frei und ohne Druck schreiben kann – es gibt keine Diskussion, kein Bewertungsverhalten in der Runde. Stattdessen fördert der stille Austausch das ideenbasierte Weiterdenken. Teilnehmer können bestehende Ideen aufnehmen, kombinieren, erweitern oder völlig neue Vorschläge hinzufügen. Am Ende werden die gesammelten Ideen gesichtet, Duplikate eliminiert und anschließend bewertet, priorisiert und weiter ausgearbeitet.

Die Methode ist besonders effektiv, wenn das Thema nicht übermäßig komplex ist und sich mit Freiräumen für kreatives Denken bearbeiten lässt. Sie eignet sich gut für interdisziplinäre Teams, um unterschiedliche Perspektiven einzubringen. Wichtig ist, dass vorab eine klare Fragestellung formuliert wird – zu generische oder schwammige Themen führen zu irrelevanten oder schwierigen Ideen. Ebenso essentiell ist das strikte Zeitmanagement: Jeder Schritt muss eingehalten werden, um den Fluss zu gewährleisten. Die Nachbearbeitung, also Bewertung, Auswahl und Konkretisierung der Ideen, ist integraler Bestandteil des Prozesses und entscheidet letztlich über den Wert der Methode.

15. Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Anwendung

  1. Fragestellung definieren: Formuliere klar und prägnant das Thema oder Problem.
  2. Vorbereitung der Arbeitsblätter: Erstelle für jeden Teilnehmer ein Blatt mit 6 Zeilen und 3 Spalten.
  3. Einführung & Regeln erläutern: Erkläre Ablauf, Timeboxing, Regelverbot der Bewertung.
  4. Runde 1 – 5 Minuten: Jeder schreibt drei Ideen in die erste Zeile (stilles Arbeiten).
  5. Blätterweitergabe: Nach 5 Minuten Weitergabe im Uhrzeigersinn.
  6. Runde 2: Jeder liest Vorgängereinträge und ergänzt drei neue Ideen in die zweite Zeile.
  7. Wiederholung: Fortführen, bis alle sechs Runden durchlaufen sind.
  8. Zwischenstand prüfen: Eventuell Runden anpassen oder bei Bedarf stoppen.
  9. Sichten & Zusammenführen: Alle Ideen sammeln, Duplikate identifizieren.
  10. Clustern / thematische Gruppenbildung: Ähnliche Ideen gruppieren.
  11. Vorbewertung / Auswahl: Jeder Teilnehmer wählt z. B. 3–5 aussichtsreiche Ideen aus.
  12. Diskussion & Bewertung: Gemeinsame Diskussion, Bewertung und Priorisierung.
  13. Auswahl finaler Ideen: Identifikation von 1–3 Ideen zur Weiterverfolgung.
  14. Maßnahmenplanung: Konkrete nächste Schritte oder Prototypideen ableiten.
  15. Reflexion & Feedback: Prozess mit Teilnehmern evaluieren, Verbesserungen notieren.

16. Anwendungsbeispiel 1 (praktische Durchführung)

Thema: Wie könnten wir die Nutzung unserer firmeninternen App steigern?

  • Runde 1: Jeder notiert z. B. „Push-Benachrichtigungen verbessern“, „Belohnungssystem einführen“, „Onboarding-Tutorial anbieten“.
  • Runde 2: Auf dem Blatt mit „Push-Benachrichtigungen verbessern“ könnte jemand ergänzen „Zeitfenster anpassbar machen“, „Einführung neuer Feature-Push“, „Reminder bei Inaktivität“.
  • Runde 3 bis 6: Weitere Ergänzungen oder neue Impulse wie „soziale Funktionen integrieren“, „Gamification-Elemente“, „Personalisierte Tipps“ etc.
  • Am Ende: bis zu 108 Ideen stehen zur Auswahl, gruppiert nach Themen wie Engagement, Gamification, Onboarding, Funktionen etc.

17. Anwendungsbeispiel 2 (praktische Durchführung)

Thema: Wie können wir das Kundenerlebnis im Webshop verbessern?

  • Runde 1: z. B. „Mobile Checkout vereinfachen“, „Live-Chat integrieren“, „Erinnerungsmails bei Warenkorb-Abbruch“.
  • Runde 2: z. B. „Mobile Checkout: One-Page-Design“, „Chatbot mit KI vorschalten“, „Reminder-Mail mit Rabattcode“.
  • Weitere Runden: Entwicklung von Ideen wie „In-App-Käufe ermöglichen“, „Produktvideos einbinden“, „Personalisierte Produktempfehlungen“, „Augmented Reality-Ansicht“ und vieles mehr.
  • Nach Abschluss: Cluster nach Kundenerlebnis, Conversion, Technische Funktionen etc., dann Auswahl und priorisierte Bearbeitung.

18. Fazit und abschließende Bewertung

Die 6-3-5 Methode ist eine bewährte, strukturierte Kreativitätstechnik zur Ideenfindung, die besonders dann glänzt, wenn kreative Vielfalt und Partizipation gefragt sind und dominierende Diskussionsdynamiken vermieden werden sollen. Sie liefert in kurzer Zeit eine große Menge an Ideen, fördert Gleichberechtigung im Team und lässt Raum für assoziatives Weiterdenken. Allerdings sind ihre Grenzen dort, wo Ideen tiefergehende Ausarbeitung erfordern oder Themen sehr komplex sind. Die Qualität der Ideen hängt stark von der Nachbearbeitung ab und das straffe Zeitraster kann manchen Teilnehmenden Druck machen. Insgesamt ist sie ein wertvolles Werkzeug im Methodenkoffer rund um Innovations- und Kreativprozesse – ideal als erster Schritt zur Ideengenerierung, bevor man in tiefergehende Auswahl- oder Bewertungsmethoden übergeht.

Quellenliste

  1. Wikipedia, „6-3-5 Brainwriting“, zuletzt abgerufen – zur Historie, Ablauf und Definition (Wikipedia)
  2. Wikipedia, „Methode 635“, deutschsprachiger Artikel – zur deutschen Verbreitung und Ursprung (Wikipedia)
  3. Kreativitätsmethoden.info, „6-3-5 Methode: Mit Brainwriting in 30 Minuten zu 108 Ideen“ – zur Beschreibung, Einsatz und Varianten (Kreativitätstechniken.info)
  4. Zapier, „What is brainwriting? The 6-3-5 method explained“ – methodische Einordnung und Vorteile (Zapier)
  5. Meeting Guru, „Die 6-3-5 Methode im Detail erklärt“ – zu Vor- und Nachteilen, Tipps zur Anwendung (MeetingGuru)
  6. KVP Institut, Lexikon-Eintrag „6-3-5 Methode“ – Hinweise zu typischen Fehlern und Anpassungen (KVP Institut GmbH)

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