
1. Kurze Beschreibung der Methode
Die Technik Challengestatement mit HMW-Fragen (How Might We) verwandelt ein zunächst unscharfes Problem oder Bedürfnis in eine offene, lösungsorientierte Fragestellung – z. B. „Wie könnten wir…?“. Diese formulierten Fragen dienen als Ausgangspunkt für kreative Ideenentwicklung.
2. Entstehungsgeschichte der Technik (Personen, Organisationen, Jahreszahlen)
Die Formulierung „How Might We…?“ wurde im frühen Innovationskontext der 1970er-Jahre durch Min Basadur bei Procter & Gamble prominent gemacht, nachdem er eine strukturierte Kreativitätsmethode eingeführt hatte. Zudem wird Sid Parnes bereits 1967 in seinem Werk als früher Anwender genannt. Seit den 1990er-Jahren wird diese Fragestellungstechnologie vielfach im Design-Thinking-Umfeld verbreitet.
3. Hintergrund und Kontext der Methode
Im Rahmen von Design Thinking, Innovaton und Service Design stellt sich häufig die Herausforderung, dass Teams zwar über Probleme sprechen, aber keine passende Frage formulieren. Ein unscharf definiertes Problem führt zu schwachen Ideen. Die Methode „Challengestatement mit HMW-Fragen“ tritt hier ein: Sie hilft, den Fokus umzulenken von direkten Lösungen auf eine gezielte Frageformulierung, die Kreativität eröffnet und Handlungsperspektiven öffnet.
4. Ziel der Methode
Ziel ist es, ein Problem oder eine Herausforderung so zu formulieren, dass sie offen genug bleibt für neue Ideen, aber trotzdem konkret genug ist, um Richtung zu geben – damit nachfolgende Ideation effizient und zielgerichtet erfolgen kann.
5. Grundprinzip der Methode
Das Grundprinzip lautet: Ausgehend von einer Ausgangsforschung oder Problemidentifikation wird ein Herausforderungssatz („Challenge“) formuliert; daraus werden HMW-Fragen abgeleitet, die in der richtigen Form (z. B. „Wie könnten wir…?“) Kreativität fördern. Diese Fragen dienen dann als Trigger für Ideation.
6. Anwendungsbereiche der Methode
- Ideation-Workshops im Design Thinking
- Problemdefinierungsphase in Innovationsprojekten
- Service- oder Geschäftsmodell-Entwicklung
- Strategische Meetings zur Neuausrichtung
- Nutzerzentrierte Designprozesse, etwa bei UX oder Produktentwicklung
7. Eignung der Methode
- Ideenfindung: Ja
- Problemlösung: Ja
- Entscheidungsfindung: Nein (sie bereitet die Entscheidung vor, dient aber nicht primär ihrer Strukturierung)
8. Dauer der Anwendung
In der Regel dauert die Formulierung eines guten Challengestatements mit HMW-Fragen 10 bis 20 Minuten, in Workshop-Settings inklusive Diskussion und Anpassung etwa 30 bis 45 Minuten.
9. Empfohlene Teilnehmerzahl
Die Methode lässt sich mit 2 bis 8 Personen gut durchführen; für größere Teams kann eine Unterteilung in Kleingruppen sinnvoll sein, um Fragestellungen parallel zu erarbeiten.
10. Benötigte Materialien und Umgebung
- Moderationsraum oder digitaler Workshopraum
- Flipchart oder Whiteboard bzw. digitales Board
- Post-its oder Moderationskarten
- Stifte oder digitale Marker
- Timer oder Zeitrahmen-Anzeige
11. Zu beachtende Regeln bei der Anwendung
- Starte mit einer klaren Beobachtung oder Herausforderung, nicht mit Lösungsideen
- Formuliere möglichst viele HMW-Fragen (z. B. 5-10)
- Vermeide Ja/Nein-Fragestellungen; nutze „Wie könnten wir…?“ statt „Warum…?“
- Halte Fragen kurz, offen und positiv formuliert
- Prüfe: Ist die Frage zu breit oder zu eng? Passe nach
- Entscheide anschließend, welche HMW-Frage(n) in die Ideation überführt werden
12. Vorteile der Methode
- Fokussiert kreative Energie auf offene Fragestellungen
- Erleichtert die Vorbereitung von Ideation-Sessions
- Stärkt Teamverständnis über gemeinsame Herausforderung
- Einfach und schnell einsetzbar
- Kann sowohl analog als auch digital angewendet werden
13. Nachteile der Methode
- Wenn HMW-Fragen zu allgemein oder zu lösungsnah sind, kann der Ideationsprozess leiden
- Moderation benötigt Erfahrung, um gute Fragen zu formulieren
- Keine Garantie für direkt umsetzbare Lösungen – hängt von nachfolgender Arbeit ab
- In großen Gruppen ohne Struktur kann Diskussion über Fragen selbst chaotisch werden
14. Ausführliche Beschreibung der Methode
Die Methode Challengestatement mit HMW-Fragen beginnt damit, dass ein Team, idealerweise nach einer Exploration- oder Empathiephase, die Herausforderung oder Nutzerbedürfnisse zusammenträgt. Aus diesen Erkenntnissen wird ein umfassendes Challengestatement erarbeitet – etwa: „Unsere neue App muss jüngere Nutzer stärker ansprechen und ihre Alltagserlebnisse integrieren.“ Darauf folgt die Ableitung mehrerer „How Might We…?“ Fragen: zum Beispiel: „Wie könnten wir Jugendliche motivieren, die App täglich zu nutzen?“ oder „Wie könnten wir Alltagserlebnisse junger Menschen direkt in unsere App einbinden?“ Diese Fragen öffnen den Denkraum und setzen den Fokus auf Nutzer und Möglichkeiten. Die Wirkung liegt darin, dass das „Might“ Gestaltungsspielraum signalisiert, das „We“ Teamorientierung ausdrückt und das „How“ Handlung eröffnet. Ein gut formulierter HMW-Satz balanciert zwischen zu breit („Wie könnten wir unsere App besser machen?“) und zu eng („Wie könnten wir die Farbwahl in unserer App verbessern?“) – beides reduziert Potential. Stattdessen bleibt ein optimaler Radius, der Orientierung bietet und gleichzeitig Kreativität ermöglicht. Sobald die Teammitglieder ausgewählte HMW-Fragestellungen akzeptiert haben, folgen Ideations-Sessions, in denen Ideen systematisch generiert werden. Die HMW-Frage dient dabei als dauerhafter Impulsgeber – jede Idee wird in Bezug auf die Frage reflektiert. Im weiteren Verlauf werden Ideen ausgearbeitet, priorisiert und konkretisiert. Die Technik ist damit ein Wegbereiter für kreative Entwicklungsprozesse und fördert Struktur im offenen Denken.
15. Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Anwendung
- Sammle in einem Team Beobachtungen, Nutzerbedürfnisse oder Herausforderungen.
- Formuliere ein Challengestatement, das das Thema bündig beschreibt.
- Leite mehrere HMW-Fragen ab (z. B. 5–10), jeweils beginnend mit „Wie könnten wir…?“
- Prüfe jede Frage: Ist sie offen genug? Ist sie positiv? Ist sie nicht bereits eine Lösung?
- Priorisiere eine oder zwei HMW-Fragen zur weiteren Bearbeitung.
- Leite eine Ideation-Session anhand der ausgewählten Fragen ein.
- Dokumentiere alle Ideen in Bezug zur HMW-Frage.
- Wähle die vielversprechendsten Ideen, refinieriere sie und bereite nächste Schritte vor.
16. Anwendungsbeispiel 1 (praktische Durchführung)
Ein Stadtplanungs-Team recherchiert Mobilitätsbedürfnisse in der Innenstadt. Nach Workshops mit Bürger:innen formuliert das Team das Challengestatement: „Der Weg zur Arbeit in der Innenstadt soll stressfrei, sicher und nachhaltig sein.“ Daraus leiten sie HMW-Fragen wie „Wie könnten wir den täglichen Weg zur Arbeit als angenehmes Erlebnis gestalten?“ oder „Wie könnten wir Alternativen zum Auto nahtlos in den Arbeitsalltag integrieren?“ Diese Fragen eröffnen den Ideationsprozess, aus dem z. B. Ideen wie Mikro-Mobilitätsstationen oder digitale Pendlernetzwerke hervorgehen.
17. Anwendungsbeispiel 2 (praktische Durchführung)
Ein Softwareunternehmen steht vor der Herausforderung, seine Mitarbeiterschulung digitaler zu gestalten. Das Challengestatement lautet: „Unsere Mitarbeitenden müssen selbstgesteuert lernen und gleichzeitig mit realen Projekten verbunden bleiben.“ Aus dieser Herausforderung entsteht eine HMW-Frage: „Wie könnten wir Lernen und Arbeiten so verknüpfen, dass Mitarbeitende direkt in Projekten lernen?“ Weitere HMW-Fragen könnten sein: „Wie könnten wir Micro-Learning in den täglichen Arbeitsfluss integrieren?“ In einer Ideation-Session entstehen Konzepte wie eine interne Lern-App mit Projekt-RPM oder tägliche Lernchallenges im Arbeitskontext.
18. Fazit und abschließende Bewertung
Die Methode Challengestatement mit HMW-Fragen ist ein kraftvoller Schritt im Kreativ- und Innovationsprozess, der dazu beiträgt, aus einem abstrakten Problem eine klare, offene und anregende Fragestellung zu machen. Sie schafft den Rahmen für Ideenfindung und Problemlösung, indem sie Grenzen sprengt und gleichzeitig Richtung gibt. Ihr Erfolg hängt jedoch stark von der Qualität der Formulierung und der Moderation ab – eine unklare oder bereits lösungsorientierte HMW-Frage kann den Prozess behindern. In Verbindung mit nachfolgenden Kreativtechniken entfaltet die Methode ihr volles Potenzial und ist somit ein essenzielles Tool in Design-Thinking- und Innovationsworkshops.
Quellenliste
- Interaction Design Foundation (o. J.): What is How Might We? URL: https://www.interaction-design.org/literature/topics/how-might-we?srsltid=AfmBOoqLUhbxpx-x97FMcIDgmNrPIoanTBeygsC16Er21wDA0cCGUQb1 (The Interaction Design Foundation)
- Basadur (o. J.): The Origin of ‘How Might We’ URL: https://www.basadur.com/the-origin-of-how-might-we/ (Basadur)
- Viima Blog (2023): How Might We Questions: Asking the Right Questions URL: https://www.viima.com/blog/how-might-we (viima.com)
- Open Practice Library (o. J.): How Might We – Practice Description URL: https://openpracticelibrary.com/practice/hmw/ (Open Practice Library)
- Humantific (o. J.): Who Owns How Might We? URL: https://www.humantific.com/post/who-owns-how-might-we (Humantific)


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