
1. Kurze Beschreibung der Methode
Die Methode „Innovationdigging“ ist ein strukturiertes Kreativverfahren, mit dem gezielt Suchfelder für Innovationen identifiziert werden. Mithilfe einer Matrix aus Touchpoints und Eigenschaftsdimensionen werden neue Ansatzpunkte exploriert, bevor klassische Ideentechniken zur Anwendung kommen.
2. Entstehungsgeschichte der Technik (Personen, Organisationen, Jahreszahlen)
Die Methode wurde von den Innovationsexperten Tamer Kemeröz und Benno van Aerssen entwickelt, veröffentlicht um ca. 2011–2015. Die Verfahren wurden vom Verrocchio Institute dokumentiert und popularisiert.
3. Hintergrund und Kontext der Methode
Innovationdigging verbindet Elemente aus Morphologischer Analyse, Systematik und Innovationsmanagement. Ausgangspunkt ist die Herausforderung, nicht mit „nur Ideen generieren“ zu beginnen, sondern vorher klar definierte Such- und Themenfelder zu schaffen. Damit wird das kreative Potenzial gezielt kanalisiert und systematisiert.
4. Ziel der Methode
Das Ziel ist, versteckte Innovations- und Verbesserungsfelder zu entdecken, bevor man mit klassischen Ideenmethoden startet. Dadurch sollen Qualität und Relevanz der späteren Ideen verbessert und der Aufwand für zielloses Brainstorming reduziert werden.
5. Grundprinzip der Methode
Das Grundprinzip lautet:
- Formuliere eine zentrale Fragestellung („Suchfeld“).
- Identifiziere relevante Touchpoints (z. B. Kunden- oder Prozesskontakte) und Eigenschaftsdimensionen (z. B. „schneller“, „komfortabler“, „spielerischer“).
- Erstelle eine Matrix mit Touchpoints in einer Achse und Eigenschaften in der anderen.
- Generiere Kombinationen („Suchfelder“) und leite daraus gezielt Ideen ab.
6. Anwendungsbereiche der Methode
- Produkt- und Serviceentwicklung
- Prozessinnovation und Geschäftsmodell-Innovation
- Digitalisierung und Change-Management
- Strategische Markt- und Zielgruppenanalyse
- Team-Workshops zur Ideenausrichtung
7. Eignung der Methode
- Ideenfindung: Ja
- Problemlösung: Ja
- Entscheidungsfindung: Ja (als Vorbereitung für Auswahlprozesse)
8. Dauer der Anwendung
Typisch in Workshops von 2–4 Stunden, bei umfassender Anwendung auch über 1–2 Tage oder als Teil größerer Innovationsprojekte über mehrere Wochen.
9. Empfohlene Teilnehmerzahl
- 4 – 12 Personen (kleine Teams innerhalb eines Workshops)
- Bei Organisationsweite Anwendung auch mehrere Teams parallel möglich
10. Benötigte Materialien und Umgebung
- Flipchart oder großes Whiteboard
- Moderationskarten/Sticky Notes
- Marker in mehreren Farben
- Vorlage oder leeres Raster (Matrix)
- Ruhiger Workshop-Raum mit ausreichender Wand- oder Pinwand-Fläche
11. Zu beachtende Regeln bei der Anwendung
- Fragestellung klar, präzise und knapp formulieren
- Ohne Bewertung brainstormen – zunächst alle Kombinationen zulassen
- Dimensionen bewusst provozierend oder ungewöhnlich wählen
- Touchpoints umfassend definieren (Kunde, Produkt, Prozess)
- Dokumentation aller Suchfelder und Kombinationen sicherstellen
- Ideenphase anschließend strukturieren (nach Priorität, Machbarkeit)
12. Vorteile der Methode
- Systematische Strukturierung vor der Ideenentwicklung
- Effizientere Nutzung kreativer Ressourcen
- Breite Exploration von Innovationsfeldern – auch disruptive Ansätze
- Vermeidung zielloser Brainstormings
- Transparente Dokumentation und Nachvollziehbarkeit
13. Nachteile der Methode
- Relativ ungewohnt – Moderation benötigt Erfahrung
- Aufwand für Vorbereitung der Matrix etwas höher als spontane Techniken
- Gefahr, sich in Suchfeldern zu verlieren ohne Umsetzung
- Für sehr kurzfristige Entscheidungen weniger geeignet
14. Ausführliche Beschreibung der Methode
Innovationdigging ist eine Technik, die Unternehmen und Teams hilft, systematisch das Terrain hinter neuen Ideen zu erkunden, statt direkt mit klassischen Kreativmethoden zu starten. Der Ansatz orientiert sich am Bild einer archäologischen Ausgrabung: Es gilt, verborgene Suchfelder zu „graben“, bevor konkrete Ideen entstehen. Dazu wird eine Matrix erstellt: Auf der horizontalen Achse stehen relevante Touchpoints oder Kontaktmomente (z. B. Kundenkontakt, Nutzungssituation, Serviceprozess). Auf der vertikalen Achse werden Eigenschaftsdimensionen eingetragen (z. B. „schneller“, „komfortabler“, „spielerischer“, „umweltfreundlicher“).
Im Workshop wählen die Teilnehmenden zunächst eine prägnante Fragestellung wie etwa: „Wie können wir unseren digitalen Service intuitiver gestalten?“ Dann identifizieren sie mögliche Touchpoints wie „Erstinbetriebnahme“, „Tägliche Nutzung“, „Problembehebung“, „Feedback“. Parallel werden Merkmale gesammelt – auch ungewöhnliche oder provokative. Aus der entstandenen Matrix lassen sich viele Kombinationen generieren: z. B. „Erstinbetriebnahme – spielerischer“, „Problembehebung – umweltfreundlicher“, „Feedback – schneller“. Diese Kombinationen dienen als Suchfelder für Ideen.
Im nächsten Schritt werden spezifische Ideen zu den Kombinationen erarbeitet, priorisiert und gegebenenfalls in Prototypen oder Pilotprojekte überführt. Der große Vorteil liegt darin, dass das Team nicht erst im „leeren Raum“ Ideen entwickeln muss, sondern von strukturierter Suche kommt – dies erhöht die Wahrscheinlichkeit auf relevante Innovationen und spart Zeit. Zudem fördert der Ansatz Transparenz – jedes Suchfeld ist dokumentiert und nachvollziehbar. Die Methode ist besonders geeignet für Innovationsworkshops, in denen sowohl inkrementelle als auch radikale Anpassungen gesucht werden.
15. Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Anwendung
- Formuliere klar und präzise die zentrale Fragestellung.
- Definiere die relevanten Touchpoints oder Kontakt-/Nutzungsmomente.
- Sammle zeitgleich mögliche Eigenschafts- oder Merkmalsdimensionen (auch ungewöhnlich).
- Zeichne eine Matrix: Touchpoints auf der horizontalen Achse, Dimensionen auf der vertikalen.
- Generiere Kombinationen aus den Feldern (z. B. Touchpoint × Dimension).
- Wähle vielversprechende Kombinationen als Suchfelder.
- Entwickle konkrete Ideen für jedes gewählte Suchfeld.
- Priorisiere die Ideen nach Relevanz und Umsetzbarkeit.
- Dokumentiere alle Schritte und leite eine Umsetzung oder Pilotierung ein.
16. Anwendungsbeispiel 1 (praktische Durchführung)
Ein Hersteller von Haushaltsgeräten verwendet Innovationdigging, um einen neuen Kaffeemaschinen-Service zu entwickeln. Fragestellung: „Wie machen wir die Nutzung unserer Maschine intuitiver und socialer?“ Touchpoints: „Erstinbetriebnahme“, „Programmauswahl“, „Reinigung“, „Nachfüllen“. Dimensionen: „spielerischer“, „sozialisierend“, „umweltfreundlicher“, „schneller“. Kombination „Reinigung – spielerischer“ führt zur Idee eines Gamification-Moduls: Nutzer erlangen Punkte für einfache Reinigung und können diese mit Freunden teilen.
17. Anwendungsbeispiel 2 (praktische Durchführung)
Ein Versicherungsunternehmen nutzt die Methode, um neue digitale Services zu finden. Fragestellung: „Wie können wir Schadenmeldungen einfacher und emotionaler gestalten?“ Touchpoints: „Schadenmeldung“, „Sachbearbeitung“, „Kundenkontakt“, „Erstattung“. Dimensionen: „transparenter“, „beruhigender“, „automatisierter“, „visualisierter“. Kombination „Kundenkontakt – visualisierter“ führt zur Idee einer AR-App, die den Schadenprozess visuell erklärt und in Echtzeit Fortschritt anzeigt.
18. Fazit und abschließende Bewertung
Innovationdigging stellt eine sehr effektive Technik dar, um die oft unscharfe Innovationsphase der Such- und Themenfindung strukturiert zu gestalten. Durch die Matrix-Arbeit entstehen gezielt Suchfelder und damit eine bessere Basis für spätere Ideengenerierung. Voraussetzung für Erfolg sind eine kompetente Moderation sowie konsequente Dokumentation der Ergebnisse. Wer diese Methode in Workshops oder Innovationsprojekten einsetzt, kann die kreative Zeit verkürzen, die Qualität der Ansätze erhöhen und das Team fokussierter arbeiten lassen. Allerdings sollte sie nicht als alleinige Technik genutzt werden – die anschließende Ideen- und Umsetzungsphase bleibt weiterhin notwendig.
Quellenliste
- van Aerssen, Benno & Kemeröz, Tamer (2015): Innovationdigging (englische Ausgabe), Books on Demand. URL: https://www.everand.com/book/259360758/Innovationdigging-engl-Version (Everand)
- Innovation Wiki – Verrocchio Institute (o. J.): Artikel „Innovationdigging / Structured idea generation using search field matrices“. URL: https://www.innovation.wiki/en/method/innovationdigging/ (Innovation Wiki by verrocchio Institute)
- Innovation Wiki – „Finding areas of potential with innovation digging“ (2023?). URL: https://www.innovation.wiki/en/navigator/finding-areas-of-potential-with-innovation-digging/ (Innovation Wiki by verrocchio Institute)
- InLoox Blog, „Employee-Led Innovation (5) – Innovation Digging for Fresh Ideas“ (2019). URL: https://www.inloox.com/company/blog/articles/employee-led-innovation-5-innovation-digging-for-fresh-ideas/ (InLoox)


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